Rezension zu Groschopp: Von der Freidenkerei zur Volksbildung
von Hartmut Kreß
In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von Publikationen erschienen, die eine gravierende Forschungslücke ausfüllen, indem sie geistesgeschichtlich den modernen Humanismus erschließen. Nun ist eine Spezialuntersuchung mit dem Titel "Von der Freidenkerei zur Volksbildung" hinzugekommen. Sie berichtet über die Impulse, die drei Jahrzehnte lang vom Neuen Frankfurter Verlag ausgingen. Der Verlag wurde im Jahr 1900 gegründet und 1936 vom NS-Staat aufgelöst.
Der Gründer des Verlags war der Fabrikant Arthur Pfungst (1864–1912) gewesen (S. 20 ff.). Er war Jude, Freidenker und Humanist, interessierte sich für buddhistisches Denken, also für eine Religion ohne Dogmen, und war wirtschaftlich in der Lage, die Verluste aufzufangen, die der Neue Frankfurter Verlag erbrachte. Der Verlag war dauerhaft defizitär. Der Autor des Buches, der Kulturwissenschaftler Horst Groschopp, hat zahlreiche Publikationen zu Fragen des Humanismus geschrieben und im vorliegenden Band die Geschichte des Neuen Frankfurter Verlags akribisch aufgearbeitet. Ihm zufolge lassen sich zwei Phasen auseinanderhalten: eine erste Phase der Verlagsaktivitäten von 1900 bis 1920, die zweite Phase von 1920 bis 1936. Dabei erfolgte inhaltlich eine Verschiebung. Während zunächst die Unterstützung und Förderung von Dissidenten leitend war, wurde ab 1920 ein weiter gefasstes Anliegen zentral: die Erwachsenenbildung bzw., wie es damals hieß, die Volksbildung (S. 113 ff.).
In der ersten Phase verkaufte der Verlag ca. 180 Bücher und Broschüren und publizierte bis 1920 die Zeitschrift "Das freie Wort", die von 1907 bis 1914 eine Beilage für Dissidenten enthielt (S. 11 ff.). Mit Dissidenten oder Freidenkern waren Menschen ohne Religionszugehörigkeit, Atheisten und ethische Humanisten gemeint (S. 27). Ein 1901 erschienenes Faltblatt nannte als Leitbild der Zeitschrift die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Sie sei – so lautete die Selbstdarstellung von 1901 – kirchenkritisch, fordere die Trennung von Staat und Kirche sowie die Ablösung der Schule von der Kirche und setze sich für "freien Moralunterricht" anstelle des konfessionellen Religionsunterrichts ein (zit. S. 50). Zu den "Flugschriften" genannten Broschüren, die in den ersten Verlagsjahren gedruckt wurden, gehörte eine von dem Sozialwissenschaftler Ferdinand Tönnies (1855–1936) verfasste Abhandlung über Politik und Moral (S. 60 f.). Im Jahr 1892 war Tönnies wie auch Pfungst Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur gewesen. Pfungst‘ Ideen kehrten in seinem Testament wieder, das er im Jahr 1908 abfasste. Mit seinem Erbe sollte eine vom Staat und von staatlichen Geldern unabhängige Freidenker-Hochschule, eine "Akademie des freien Gedankens", begründet werden, um auf dieser Basis humanistische Ideen zu entfalten, Vorlesungs- sowie Bildungsarbeit zu leisten und Dissidenten Stipendien zu gewähren. In dem von Groschopp abgedruckten Testament hieß es: "Im Allgemeinen sollen nur solche Männer + Frauen (bez. Mädchen) Stipendien bekommen, die keiner der anerkannten Religionsgemeinden also namentlich nicht mehr dem Christenthum oder Judenthum angehören" (zit. S. 24; vgl. S. 115 ff.).
Das Vorhaben wurde aber nicht umgesetzt. Nach dem Tod von Arthur Pfungst im Jahr 1912 wurden für die zweite Phase des Neuen Frankfurter Verlags, ab 1920, seine Mutter Rosette Bertha Pfungst sowie nach ihrem Tod 1922 dann insbesondere seine Schwester Marie Eleonore Pfungst maßgebend. Die 1918 gegründete Arthur Pfungst-Stiftung sollte nun der breiteren Volksbildung zugutekommen (S. 124 ff.). Dies wirkte sich auch auf den Neuen Frankfurter Verlag aus. Anstelle der früheren, auf Dissidenten zugeschnittenen Zeitschrift "Das freie Wort" druckte er ein anderes Periodikum: "Freie Volksbildung: Zeitschrift für die gesamte Erwachsenenbildung" (S. 161). Groschopps Buch informiert über Protagonisten der Volksbildungsbewegung, die der Arthur Pfungst-Stiftung und dem Neuen Frankfurter Verlag verbunden waren, unter ihnen Eduard Weitsch (1883–1955), über Themen und Programme damaliger Volksbildungskurse und über einzelne Einrichtungen, etwa ein zu diesem Zweck genutztes Landhaus im Taunus (S. 221 ff.). Überraschend ist, dass gegen Ende der 1920er Jahre im Neuen Frankfurter Verlag, also einem jüdischen Verlag, einzelne Abhandlungen erscheinen konnten, die die Idee der Volksbildung in eine völkisch und rassisch orientierte "Volkbildung" zu transformieren begannen (S. 192 ff.). Die Verlagsverantwortlichen hatten die ideologische Brisanz offenbar nicht erkannt. Im Jahr 1933 geriet die Stiftung unter den Druck des NS-Staats; der Verlag wurde 1936 zwangsweise aufgelöst (S. 231 ff.). Marie Pfungst kam im KZ Theresienstadt ums Leben.
Der vorliegende Band referiert Inhalte der Veröffentlichungen des Frankfurter Neuen Verlags, die zunächst unter dem Vorzeichen gestanden hatten, Freidenkertum und Dissidenten zu unterstützen, und ab 1920 der Volksbildung verpflichtet waren. Ein roter Faden durch die gesamte Verlagsgeschichte war das Anliegen, dass das damalige System der Konfessionsschulen durch weltliche Schulen sowie der in der Schule erteilte kirchliche Religionsunterricht durch einen konfessionsneutralen Moralunterricht ersetzt werden sollten. Diese Idee hatte bereits in dem oben erwähnten Flugblatt eine Rolle gespielt, mit dem sich 1901 die Zeitschrift "Das freie Wort" öffentlich vorstellte. Groschopp erinnert daran, dass Arthur Pfungst 1906 Mitgründer des "Deutschen Bundes für weltliche Schulen und Moralunterricht" war (S. 94), und er erwähnt auf dieser Linie liegende Veröffentlichungen im Neuen Frankfurter Verlag. Besonders zu nennen sind die Schrift "Das Problem des Moralunterrichts in der Schule" des Philosophen Friedrich Jodl (1849–1914) aus dem Jahr 1912 (S. 96) sowie das Buch "Religionskunde und Lebenskunde an der weltlichen Schule" von Rudolph Penzig (1855–1931) aus dem Jahr 1927 (S. 182 ff.). Penzig war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu diesem Thema Gutachter für die preußische Regierung gewesen.
Zur Geschichte liberaler Ideen im Kaiserreich und zur Bildungsgeschichte in der Weimarer Republik vermittelt der Band zahlreiche nützliche Informationen.
Horst Groschopp, Von der Freidenkerei zur Volksbildung. Der Neue Frankfurter Verlag und seine Geschichte. Schriften der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung Frankfurt a.M. Bd. 1, Verlag Alibri (Aschaffenburg) 2025, 284 Seiten, ISBN 978-3-86569-445-4, € 34,-