Islam und Frauen

I. Einführung, Koran, Hadithe, Rechtslehre, Gesellschaft
1. Das Thema trat in Deutschland erst um 2005 und nach einem aufsehenerregenden Mord an einer jungen Berliner Türkin im Zusammenhang mit den Zwangsheiraten und Ehrenmorden ins allgemeine Bewusstsein. Die Stellung der Frau ist in den 57 islamischen Ländern recht unterschiedlich, Bildungsstand und Stadt-Land-Gefälle spielen ebenfalls eine große Rolle. Es kommt hinzu, dass viele Verhaltensweisen gegenüber Frauen nicht eigentlich religiös, sondern durch die patriarchalische Gesellschaft bedingt sind. Eine generelle Kritik am Islam beanstandet mit guten Gründen die Unterdrückung der Frauen, während Islamgelehrte die religiöse Gleichwertigkeit von Mann und Frau betonen.

2. Benachteiligung von Frauen und Gewalt gegen sie ist typisch für alle patriarchalischen Gesellschaften, und alle islamischen Gebiete bzw. Staaten waren bzw. sind patriarchalisch geprägt. Dieser Sachverhalt wird dadurch verstärkt, dass der Koran die männliche Überlegenheit stark betont. Die Rechte und Pflichten der Frau im Islam werden besonders in der vierten Koransure beschrieben. Besonders wichtig ist Sure 4,34: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie (vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen [Morgengabe] gemacht haben ... Und wenn ihr fürchtet, dass irgendwelche Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch (wieder) gehorchen, dann unternehmt weiter nichts gegen sie!“

Aus mehreren Koranstellen ergibt sich, dass sich die aus dem Mann geschaffene Frau (so die meisten Übersetzungen), die ebenfalls eine Seele hat, in Bezug auf ihre Menschlichkeit nicht vom Mann unterscheidet. Sie ist dazu da, den Mann sexuell zu befriedigen (Sure 7,189) und ihm viele (männliche) Nachkommen zu schenken (Sure 16,72). Wie der Mann wird sie für Frömmigkeit belohnt (Sure 33,35). „Ich werde keine Handlung unbelohnt lassen, die einer von euch begeht, gleichviel ob es sich um Mann oder Frau handelt“ (Sure 3,195). Die Sure 9, 71 f. (ähnlich 4, 124) verspricht gläubigen Männern und Frauen Paradiesgärten. Andererseits scheint das Paradies vorrangig Männersache zu sein, denn den Männern werden dort sexuelle Freuden mit „großäugigen Huris“, schönen jungfräulichen Mädchen, verheißen; von den Frauen ist nicht die Rede.

Für das diesseitige Leben gilt: „Die Weiber sind euer Acker, geht auf euren Acker, wie und wann ihr wollt“ (Sure 2,223). Der Koran sieht Sex ausschließlich aus männlicher Sicht. Frauen erben nur halb so viel wie Männer, und ihr Zeugnis vor Gericht gilt nicht immer viel (Sure 2,282). Im Wesentlichen haben nur Männer das Recht auf Scheidung, und viele Tätigkeiten (z. B. Ruf zum Gebet, Predigt, Pferdereiten u. a.) sind Männern vorbehalten. Während Muslime zwar keine heidnischen, wohl aber jüdische und christliche Frauen heiraten dürfen, ist muslimischen Frauen nach Sure 60 das Entsprechende untersagt.

3. Gläubige Muslime weisen hierzulande gern darauf hin, der Koran sei nicht frauenfeindlich, sondern im Gegenteil frauenfreundlich. Islamgelehrte verweisen nicht nur auf Koranstellen, nach denen Mann und Frau gegenseitig rücksichtsvoll, liebevoll und gut zueinander sein sollen (z. B. Sure 30,21), sondern auch darauf, dass viele koranische Vorschriften eine deutliche Verbesserung gegenüber den damaligen z. T. sehr brutalen altarabischen, vorislamischen Bräuchen darstellten. So verbot der Koran, Sklavinnen zur Prostitution zu zwingen, und den Brauch, neugeborene Mädchen lebendig zu begraben. Die auch vorislamische barbarische Sitte der Frauenverstümmelung (Klitorisbeschneidung) findet im Koran keine Stütze. Sie tritt aber fast nur in islamischen Regionen auf, wird von vielen islamisch-afrikanischen Imamen befürwortet und insgesamt nicht oder zu wenig bekämpft. Der Koran erlaubt den beliebigen Verkehr selbst mit verheirateten Sklavinnen, und auch der mit bezahlten Konkubinen ist gestattet.

4. Mohammed wuchs in einer von Gewalt bestimmten Umgebung auf, in der Frauen überwiegend als Sache galten, mit der willkürlich verfahren werden konnte; es gab allerdings auch selbstbewusste Frauen mit eigenen Ziegenherden oder Karawanen (beispielsweise die erste Frau des Propheten Muhammad, die Witwe Khadidja). Angesichts dessen brachte der Koran, der die Frau als Person mit Rechten anerkannte, sicher wesentliche Verbesserungen. Aber aus heutiger Sicht kann man – ungeachtet der großen Auslegungsprobleme, die orts- und zeitbestimmt viele Islamgelehrte die Korantexte frauenfeindlich verstehen ließ – nicht die zahlreichen Korantexte ignorieren, die unmissverständlich die Frau als untergeordnet und minderwertig ausweisen.[1]

Innerislamisch sind mehr noch als der Koran die Überlieferung (Hadith) und die Interpretationen der Gelehrten der verschiedenen Rechtsschulen im Rahmen der Scharia von praktischer Bedeutung. Sie lassen insgesamt an Frauenfeindlichkeit kaum Wünsche offen. Die gesamte islamische Zivilisation hat sich (wie auch die christliche) frauenfeindlich entwickelt. Hierzu nur wenige Beispiele. So hat Al-Ghazzali (1058-1111), eine der größten Autoritäten, die inferiore Stellung der Frau in Einzelheiten beschrieben: sie dürfe das Haus nicht ohne Erlaubnis verlassen, solle ggf. alte Kleider anlegen, Marktplätze meiden, mit einem Freund ihres Mannes dürfe sie nicht einmal in der Not sprechen. Al-Ghazzali warnt alle Männer vor den Frauen, denn „ihre Arglist ist grenzenlos ... sie sind unmoralisch und von kleinlicher Gesinnung“. Ein berühmtes Hadith sagt: „Die Frauen haben weniger Vernunft und weniger Glauben.“ Ein anderes lautet: „Es ist für einen Mann besser, von einem Schwein bespritzt zu werden, als den Ellenbogen einer Frau zu streifen, die ihm nicht erlaubt ist.“

5. Ungeachtet des möglichen unterschiedlichen Umgangs mit den muslimischen Texten ist die ggf. harte Unterdrückung der Frauen Alltagspraxis in den meisten islamisch geprägten Ländern. Die recht unterschiedliche Gesetzgebung in diesen 57 Ländern und die jeweilige Volkstradition haben vielfach eine weit größere Bedeutung als die religiösen Vorschriften. Die vorislamische und außerkoranische weibliche Beschneidung mit ihren Grausamkeiten[2] und noch heute Millionen von Opfern ist so gut wie nur in der islamischen Welt anzutreffen. Weit verbreitet sind die Ehrenmorde und der sonstige Vollzug der Bestrafung von „Ehrverbrechen“ an unschuldigen Mädchen und Frauen.[3] Sie werden selbst an Vergewaltigten vollzogen, um die „Familienehre“ wieder herzustellen. All das hat mit der islamischen Religion nichts zu tun, wird von ihr aber offenbar auch nicht wirksam bekämpft oder wenigstens abgelehnt. Die in Afrika und Arabien vorkommenden Steinigungen lebender Frauen, die religiös bzw. durch die Scharia begründet und von islamischen Autoritäten angeordnet werden, sind insgesamt aber die Ausnahme.

Eine der Hauptursachen vieler Integrationsprobleme (in Deutschland speziell traditioneller türkischer Familien) ist die Erziehung der Söhne zu „Prinzen“ und der Töchter zu „Dienerinnen“ und die Bindung der Familienehre an die „Keuschheit“ der Frauen. Mädchen werden deshalb ab ihrer Pubertät der strengsten Überwachung durch Väter, Onkel und Brüder unterzogen. In der islamischen Welt werden bereits Blickkontakte erotisch gedeutet und sind sanktioniert. Die dazugehörige Doppelmoral gibt den Männern jedoch alle Freizügigkeit.

6. Positive Aspekte (Frauen als Gelehrte usw.) sind bisher in islamischen Gesellschaften vereinzelt geblieben oder sehr erschwert. In Deutschland sind Musliminnen aber schon seit langem dabei, einen angemessenen Platz in Gesellschaft und Öffentlichkeit einzunehmen, ungeachtet des noch stark vertretenen patriarchalischen Denkens.

II. Zum Vergleich: Frauendiskriminierung im Christentum
1. Es sollte nicht vergessen werden, dass Frauenunterdrückung und –Benachteiligung Standard in der ganzen Christentumsgeschichte war und z. T. noch ist. In den noch heute so gepriesenen 10 Geboten des Alten Testaments, die sich eigentlich nur an den Mann richten, stehen Frauen auf einer Stufe mit sonstigem Besitz wie Haus, Sklave, Rind und Esel (Ex. 20,17 und Deut. 5,17). Aber es gibt noch weitere Fundstellen im Alten Testament. Zahlreicher sind die Aussagen des im Christentum mehr geschätzten Neuen Testaments. Nicht nur in vielen Briefen, sondern auch in den Evangelien haben die Frauen eine dienende Rolle. Die tragenden Rollen, etwa sämtliche 12 Apostel, spielen die Männer.

2. Obwohl es feministische Theologinnen fertig bringen, aus der Bibel eine autonome und gleichberechtigte Frauenrolle herauszulesen, sollte die Kirchengeschichte nicht ignoriert werden. Hierzu nur einige Zitate: "Die Weiber sind hauptsächlich dazu bestimmt, die Geilheit der Männer zu befriedigen" (Johannes Chrysostomos, 349-407, Kirchenlehrer). - "Wenn sich die Frau ihrem Mann, der ihr Haupt ist, nicht unterwirft, ist sie desselben Verbrechens schuldig wie ein Mann, der sich Christus nicht unterwirft" (Hl. Hieronymus, Kirchenvater, 347-420). - "Das Weib ist ein minderwertiges Wesen, das von Gott nicht nach seinem Ebenbilde geschaffen wurde. Es entspricht der natürlichen Ordnung, dass die Frauen den Männern dienen" (Hl. Augustinus, Kirchenlehrer, 354-430). – "Priester, die Frauen beherbergen, die Verdacht erregen, sollen bestraft werden. Die Frauen aber soll der Bischof in die Sklaverei verkaufen" (2. Synode von Toledo, 589). - "Frauen dürfen in der Kirche nicht singen" (Hl. Bonifatius, 675-754). - "Wer mit dem Weibe aber verkehrt, der ist der Befleckung seines Geistes so ausgesetzt wie jener, der durchs Feuer geht, der Versengung seiner Sohlen" (Hl. Franz von Assisi, 1181-1226). - "Der wesentliche Wert der Frau liegt in ihrer Gebärfähigkeit und in ihrem hauswirtschaftlichen Nutzen" (Hl. Thomas von Aquin, Kirchenlehrer, 1225-1275). - "Die Frau ist ein Missgriff der Natur... mit ihrem Feuchtigkeits-Überschuss und ihrer Untertemperatur körperlich und geistig minderwertiger...eine Art verstümmelter, verfehlter, misslungener Mann...die volle Verwirklichung der menschlichen Art ist nur der Mann" (Thomas von Aquin). - "Ein männlicher Fötus wird nach 40 Tagen, ein weiblicher nach 80 Tagen ein Mensch.“ (Die Lehre von der stufenweisen Beseelung dominierte im Katholizismus bis 1869.) „Mädchen entstehen durch schadhaften Samen oder feuchte Winde" (Thomas von Aquin;). - "Wenn du eine Frau siehst, denke, es sei der Teufel! Sie ist eine Art Hölle!" (Papst Pius II., 1405-1464). – „Ehe ist Arznei für Hurerei“ (Martin Luther). - "Alle Bosheit ist klein gegen die Bosheit des Weibes. Besser ist die Gottlosigkeit des Mannes als ein wohltuendes Weib" (Die Synode zu Tyrnau, 1611). – Das Gesetzbuch der kath. Kirche von 1917 erlaubte weiblichen Personen das Ministrieren nur im Notfall, aber auch dann nicht das Herantreten an den Altar.

3. Erst nach dem 2. Weltkrieg und der Etablierung der Gleichberechtigung in Staatsverfassungen konnte sich die Position der Frauen in den christlichen Kirchen des Westens nach und nach verbessern. Noch in den 1950 er Jahren hat die katholische Kirche in Deutschland die gesetzliche Gleichberechtigung von Mann und Frau massiv bekämpft, und Klerikerämter dürfen Frauen in ihr bis heute nicht ausüben. All das sollte man bedenken, wenn in der Debatte um Kopftuch und Religionsunterricht so vehement und oft pauschal die (insgesamt freilich nicht geringe) islamische „Unterdrückung der Frau“ ins Feld geführt wird.

>> Islam; Kopftuch; Unterrichtsbefreiung.

Literatur:

  • Arsel, Ilhan: „Frauen sind eure Äcker“. Frauen im islamischen Recht. Aschaffenburg 2012.
  • Ates, Seyran: Der Isggglam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift. Berlin 2009.
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Isggglam und islamische Welt. APuZ B 48/2004), Bonn 2004.
  • Harwazinski, Assia Maria: Aufsätze zum Isggglam. Berlin 2012 (Bonner islamwiss. Hefte).
  • Horsch, Silvia: Frauen im Islgggam, Vortrag in Wittenberg am 13.09.2004. Die Verf. ist Muslima seit 1996. Veröff.: www.al-sakina.de/.../frauen_islam.html) .
  • Ibn Warraq: Warum ich kein Muslim bin, Berlin 2004, 528 S. (Pseudonym. Neuausgabe 2007).
  • Kaddor, Lamya: Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Isggglam. Beck, München 2010.
  • Kelek, Necla: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Köln 2005, 270 S.
  • Muckel, Stefan (Hg.): Der Isggglam im öffentlichen Recht des säkularen Verfassungsstaates, Berlin 2008.
  • Schneider, Irene: Der Islgggam und die Frauen, München 2011.
  • Udink, Betsy: Allah & Eva. Der Islgggam und die Frauen. München 2007, 237 Seiten (Reportagen; „Für Frauen ist Pakistan die Hölle“).
  • Wunn, Ina/Selcuk, Mualla: Islgggam, Frauen und Europa. Islamischer Feminismus und Gender Jihad. Neue Wege für Musliminnen in Europa. Stuttgart 2013.
  • http://www.zeit.de/.../muslime-in-deutschland  ZEIT Online vom 29.1.2015 zu Deutschlands Muslimen.
  • www.qantara.de/.../300    Quantara ist ein Dialogportal der Bundeszentrale für politische Bildung und anderer deutscher Institutionen.
  • http://exmuslime.com/ Zentralrat der Ex-Muslime
  • www.huda.de  (Netzwerk für muslimische Frauen; politisch und national unabhängig; Zeitschrift HUDA).

  • [1] Ibn Warraq a.a.O.
  • [2] eindringlich: Waris Dirie, Wüstenblume.
  • [3] auch in Deutschland: s. N. Kelek a. a. O.

© Gerhard Czermak / ifw (2017)