Debattenkultur und Meinungsfreiheit auf dem Campus: Benachteiligung der humanistischen Hochschulgruppe in Mainz

Sachverhalt

Die Hochschulgruppe "Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung" organsiert, gemeinsam mit ihrer Dachorganisation Giordano-Bruno-Stiftung Mainz/Rheinhessen, Veranstaltungen zu Gesellschaftspolitik, Wissenschaft, Menschenrechten und Religionskritik sowie regelmäßige Diskussionsrunden an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Anfang 2017 begann der Allgemeine Studierendenausschuss, ein Organ der studentischen Selbstverwaltung, die politische Teilnahme der humanistischen Hochschulgruppe auf dem Campus zu beschränken.

Die HSG wurde vom AStA dauerhaft von der sogenannten Hochschulgruppenmesse ausgeschlossen, auf der Hochschulgruppen üblicherweise bei neuen Studierenden auf sich aufmerksam machen. Finanzielle Fördermittel, die beinahe alle anderen Hochschulgruppen gewährt werden, wurden vorenthalten. Die Nutzung der vom AStA verwalteten Plakatwände, auf der Campus-Veranstaltungen üblicherweise beworben werden, wurde der HSG nicht gestattet. Dies selbst bei Veranstaltungen, die die Förderung von Menschenrechten zum Gegenstand hatten (Wie etwa einen Vortrag zu Homosexualität und Evolution).

Der AStA ist das exekutive Organ der studentischen Selbstverwaltung und setzt sich aus Mitgliedern der Parteien zusammen, die im Studierendenparlament eine Mehrheit bilden. Er wird durch das Hochschulgesetz mit Hoheitsrechten ausgestattet und verwaltet einen Großteil der Semesterbeiträge, die die Studierenden zu zahlen haben. Er hat er unter anderem die staatlich übertragene Aufgabe, die politische Bildung, das staatsbürgerliche Verantwortungsbewusstsein und das Eintreten für Menschenrechte auf dem Campus zu fördern, sowie die Meinungsbildung in der Gruppe der Studierenden zu ermöglichen (vgl. § 108 Abs. 4 S. 2 Nr. 1 und 5 HochSchG).

Die Benachteiligung begründet der AStA schon seit 2017 primär mit der Verbundenheit der Hochschulgruppe zur Giordano-Bruno-Stiftung. Diese habe mit der Verleihung ihres Ethikpreises an Peter Singer im Jahr 2011 eine Person ausgezeichnet, die durch behindertenfeindliche Ansichten und Äußerungen auffalle. Der Versuch der Hochschulgruppe, eine faire sowie kritische Auseinandersetzung mit dem Philosophen herbeizuführen, schlug mehrfach fehl. Unter anderem wurde der HSG im AStA-Plenum das Rederecht entzogen, als eine Gegendarstellung zu den Vorwürfen an Peter Singer verlesen werden sollte.

Anfang 2020 versuchte die Hochschulgruppe nochmals eine außergerichtliche Lösung zu finden. In einer Diskussion im AStA-Plenum stellten die Mitglieder der HSG die Werte und Betätigung der Giordano-Bruno-Stiftung und der HSG sowie eine kritische Auseinandersetzung mit einigen Aussagen Singers vor. Zunächst konnte das Plenum davon überzeugt werden, eine Distanzierung von der Giordano-Bruno-Stiftung nicht mehr zu verlangen und es wurde die Förderung einer Veranstaltung der HSG unter Widerrufsvorbehalt beschlossen.

Dies währte jedoch nur kurz: Nachdem eine vom AStA geforderte, öffentliche Distanzierung von Peter Singer durch die HSG dem AStA nicht weit genug reichte, fiel der AStA auf seine alte Linie zurück und beschloss den Widerruf der Förderung. Der Ausschluss von der Hochschulgruppenmesse wurde aufrechterhalten und der HSG obendrein die Registrierung als Hochschulgruppe entzogen.

Im weiteren Verlauf machte der AStA der HSG zum Vorwurf, eine Veranstaltung mit Hamed Abdel-Samad zu dessen Buch "Integration – ein Protokoll des Scheiterns" auf dem Campus veranstaltet zu haben. Von Seiten des AStA kam es zu mehreren diffamierenden Aussagen: Hamed Abdel-Samad sei ein Antisemit und ein islamophober Rassist, der den Islam grundsätzlich in eine extremistische Ecke dränge, pauschale Religionsverunglimpfung betreibe und keine Gelegenheit zur Kritik zuließe.

Als rechtliches Argument stützt der AStA die Diskriminierung außerdem auf sein hochschulpolitisches Mandat, wonach eine Förderung von Religionen und Weltanschauungen nach dem Wortlaut des § 108 HochSchG nicht vorgesehen sei. Der Evolutionäre Humanismus sei eine Weltanschauung – im Sinne einer Religion – und die humanistische Betätigung daher prinzipiell nicht förderungsfähig.

Verfahrensgang

Gegen die Beschlüsse des AStA und insbesondere die dahinterstehenden Begründungen legte die HSG einen sachlich sowie rechtlich ausführlich begründeten Widerspruch ein, der im August 2020 erwartungsgemäß zurückgewiesen wurde.

Gegen den Widerspruchsbescheid erhob die Hochschulgruppe, mit Unterstützung des Instituts für Weltanschauungsrecht, im September 2020 Klage beim Verwaltungsgericht Mainz.

Ziel der Klage ist es, durch einen Präzedenzfall die Benachteiligung humanistischer Hochschulgruppen in Zukunft zu verhindern, die Meinungsfreiheit und offene Debattenkultur zu stärken und die gleichberechtige humanistische Betätigung auf dem Campus zu ermöglichen. Nicht zuletzt soll auch gegen die diffamierenden Aussagen von Seiten des AStA vorgegangen werden.

Rechtliche Problematik

Als Organ der Studierendenschaft, einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, nimmt der AStA Aufgaben der öffentlichen Verwaltung wahr. Er muss sich dabei an Grundrechte, allgemeine Verwaltungsprinzipien sowie die vom § 108 HochSchG vorgeschriebenen satzungsmäßigen Aufgaben halten.

Die Anschuldigungen des AStA an Peter Singer und Hamed Abdel-Samad sind schon deshalb problematisch und im Ergebnis rechtsfehlerhaft, weil sie sachlich unzutreffend sind. Umso mehr, da sie im Falle von Hamed Abdel-Samad auch diffamierende Ausmaße angenommen haben. Davon abgesehen liegt es schon gar nicht im satzungsmäßigen Rahmen eines AStA, die Vertretbarkeit philosophischer/utilitaristischer Ideen zu bewerten oder sich nach dem Prinzip der "Kontaktschuld" über viele Ecken von Personen zu distanzieren, denen auf unvollständiger beziehungsweise fehlerhafter Tatsachenbasis unvertretbare Ansichten unterstellt werden.

Eine Hochschulgruppe auf der Basis zu benachteiligen, dass sie sich religiös oder weltanschaulich betätige, ist auch unter dem Gesichtspunkt der Religions- und Weltanschauungsfreiheit aus Art. 4 Abs. 1 GG unzulässig, da so eine Benachteiligung gerade mit einem grundrechtlich geschützten Verhalten begründet würde.

Zudem sind es in den vom AStA selbst zitierten Gerichtsentscheidungen gerade auch Merkmale wie weltanschauliche Selbstbestimmung, Toleranz, Liberalität, die Achtung vor der Würde des Menschen und vor der Natur sowie wissenschaftliche Rationalität, durch die sich die humanistische Betätigung inhaltlich auszeichnet. Bei diesen Werten handelt es sich zweifelsfrei um förderungswürdige Zwecke des § 108 Abs. 4 HochSchG. Insofern ist es doppelt illegitim und widersprüchlich, wenn einer humanistischen Hochschulgruppe eine "quasi-religiöse" Betätigung unterstellt und so der kategorische Ausschluss mit der humanistischen Betätigung begründet wird.

Schon häufig mussten AStAs verschiedener Universitäten von Verwaltungsgerichten daran erinnert werden, dass es ihnen obliegt, auf Meinungsvielfalt zu achten und auch unterschiedliche Positionen zu Wort kommen zu lassen (vgl. BVerwG, U. v. 13.12.1979, 7 C 58/78). Mit den Zwecken des § 108 Abs. 4 S. 2 HochSchG "die Meinungsbildung in der Gruppe der Studierenden zu ermöglichen" und "auf der Grundlage der verfassungsmäßigen Ordnung die politische Bildung, das staatsbürgerliche Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft ihrer Mitglieder zur aktiven Toleranz sowie zum Eintreten für die Grund- und Menschenrechte zu fördern", ist die Diskriminierung der humanistischen Hochschulgruppe durch den AStA der Universität Mainz jedenfalls nicht vereinbar.