Aufklärung

I. Begriff und Hauptmerkmale
1. Der Begriff A. meint sowohl die historische Epoche in Europa vom Ende des 30-jährigen Kriegs (1648) bzw. von 1680 bis etwa 1800 als auch die sie im 18. Jh. prägende intellektuelle Hauptbewegung mit ihren gesellschaftspolitischen Forderungen. Sie ist Grundlage und geistige Voraussetzung der modernen Welt, die die A. trotz aller Anfechtungen und Rückschläge bis heute notwendig prägt. Immanuel Kant hat die A. 1784 definiert mit folgenden berühmten Worten: „Aufklägggrung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärgggung.“ Die insbesondere in England, Frankreich, den Niederlanden und (abgemildert) in Deutschland dominierende umfassende und spezifisch europäische geistige Bewegung hat gerade auch im Rechts- und Staatsleben bleibende Wirkungen erzeugt. Der Einfluss der A. machte sich selbst in katholischen Ländern außerhalb Frankreichs zumindest partiell bemerkbar, insbesondere in Norditalien, wo Cesare Beccaria 1764 aufsehenerregend die Abschaffung von Folter und Todesstrafe forderte, und sogar in Spanien und Portugal gab es vorübergehend Ansätze. Das Gedankengut der Aufkggglärung macht auch erkennbar die Kernsubstanz des GG aus, obwohl insoweit immer noch vielfach ein starkes, wenn nicht gar dominierendes christliches Erbe betont wird (s. Abendlandinfo-icon, christliches).

2. Strukturelle Hauptkennzeichen der (im Einzelnen sehr vielfältigen) A. sind der rationale Ansatz, der alles menschliche Denken an der Vernunft misst (Lichtsymbolik), seine Bereitschaft zu gesellschaftlichen Veränderungen und das Bedürfnis nach ungehindertem und undogmatischem geistigem Austausch. A. will Wahrheit durch Klarheit, Freiheit und Selbständigkeit. Dabei sind zunächst klare Begriffe zu entwickeln. Bekämpft werden Aberglaube, Vorurteile, Fanatismus und vernunftwidrige Schwärmerei. Historische Voraussetzung der A. waren die militärische und ideologische Erschöpfung nach den Religions- und Bürgerkriegen und die sich entwickelnde Naturwissenschaft, die im 17. Jh. schon viele klerikale Bevormundungen abgeschüttelt hatte und theologieunabhängig dachte. Schon Descartes hatte in seinem „Discours de la Méthode“ (1637) den Zweifel zum methodischen Erkenntnisprinzip erhoben (Cartesianismus). Logik und Empirie hatten Vorrang vor tradierter Autorität. Die zunehmende Naturerkenntnis führte zu einer starken Zuversicht in die Erkennbarkeit der Welt und zur Entwicklung eines natürlichen, vorgegebenen Rechts, dem man auch eine natürliche Religion zur Seite zu stellen versuchte. Es gab tiefgreifende Auseinandersetzungen zwischen der autonomen Vernunft und der christlichen Offenbarung. Die Theologieinfo-icon verlor den Charakter einer Leitwissenschaft, da sie sich vor der Vernunft rechtfertigen musste. Zwangsläufig wurde Toleranzinfo-icon zu einem Schlüsselbegriff der A. Toleranzinfo-icon führte nur allmählich und unter schweren Rückschlägen schließlich erst nach der Epoche der A. zur individuellen Religionsfreiheitinfo-icon, wurde freilich von der katholischen Kirche noch bis nach der Mitte des 20. Jh. bekämpft.

3. Die A. mit ihrer Traditions- und Autoritätskritik bedeutete zwangsläufig auch Religionskritik, wobei sich die französischen Aufklärer besonders hervortaten: Sie standen nach fast völliger Ausmordung bzw. Vertreibung der Hugenotten (1685: Aufhebung des Edikts von Nantes von 1598) in der Situation einer festen Verbindung von Katholizismusinfo-icon und Absolutismus zu einem reaktionären Staat. Die bedeutenden französischen Aufklärer, die unter der Regie von Diderot und d’ Alembert ab 1751 trotz Unterdrückungsmaßnahmen eine vielbewunderte programmatische Enzyklopädie als Ausdruck des gesamten damaligen Wissens zustande brachten, waren sämtlich Agnostiker, Deisten oder eindeutige Atheisten. Ihre bekannteste Persönlichkeit war Voltaire.

II. Deutschland
1. In der Situation Deutschlands mit seinem politischen und religiösen Partikularismus und patriarchalischen Staatsverständnis der absolutistischen Fürsten gab es keine so starken Gründe für eine radikale Religionskritik wie in Frankreich. In der deutschen Aufgggklärung spielte die Religion noch lange eine große Rolle. Die deutschen Aufklärer bekannten sich im Allgemeinen zu einem „vernünftigen“ Christentum. Das erleichterte es auch vielen Theologen, sich als Aufklärer zu engagieren. Die Aufklärgggung konnte die Theologieinfo-icon allmählich beeinflussen. Theologen und Philosophen waren sich zumindest verbal einig, dass sich Vernunft und Offenbarung nicht grundsätzlich widersprechen, eine vernunftgemäße Erklärung der Bibel hielt man für möglich.

2. Mit dem ersten echten deutschen Aufklärer, Christian Thomasius (1655-1728), wurde der Schnittpunkt zwischen Philosophie und Jurisprudenz Ausgangspunkt der Aufklgggärung. Thomasius’ Naturrechtslehre hatte noch Gottinfo-icon als Urheber, aber sie unterschied zwischen erzwingbarem Recht zur Friedenswahrung als Aufgabe der Fürsten und nicht erzwingbarer Moral. Thomasius verabscheute theologischen Dogmatismus und bekämpfte die Hexenprozesse. Noch einflussreicher wurde Christian Wolff (1679-1754), dessen Behauptung, auch Heiden könnten tugendhaft sein, 1723 zu seiner Ausweisung aus Halle führte, wohin er jedoch 1740 mit dem Regierungsantritt Friedrichs II. triumphal zurückkehren konnte. Im selben Jahr veröffentlichte Johann Christian Edelmann eine kritische Bibelanalyse, wofür er verfolgt wurde. Hermann Samuel Reimarus, ebenfalls Vertreter einer natürlichen Religion, vollendete 1765 eine „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“, die er aber nicht zu veröffentlichen wagte (die Auferstehung Jesu bezeichnete er als Jüngerbetrug). Dies besorgte dann in Auszügen der bedeutendste deutsche Dichter der Aufklägggrung, Lessing. Er begann 1774 mit der berühmten Veröffentlichung der „Fragmente eines Ungenannten“ aus dem Nachlass von Reimarus, was trotz einiger Distanzierungen Lessings zu einem anhaltenden Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze führte, widersprach doch Lessing der These von der Bibel als exklusiver Aussage Gottes.

3. Relativ wenig bekannt ist die Katholische A. auch im kirchlichsten deutschen Territorium: Bayern. Ausgehend von der Klosterrenaissance ab 1700 einschließlich der Förderung moderner Naturwissenschaften entwickelte sich ein wirksamer frühaufklärerischer Reformkatholizismus mit zunehmend emanzipatorischem und antijesuitischem Akzent. Diese Bewegung verband sich später mit aufklärerischen Bestrebungen weltlicher Gelehrter und Beamter und strebte einem ersten Höhepunkt mit der Errichtung der von theologischen Zwängen freien Akademie der Wissenschaften 1759 in München zu. Sie war ebenso absolutistisch wie jesuitenfeindlich. Die auch von anderen Orden als allzu dominant und rückständig empfundenen (im Volk aber beliebten) Jesuiten wurden 1773 verboten. 1776 bildete sich in Ingolstadt um den Kanonisten A. Weishaupt der weit über Bayern hinausgreifende aufklärerische Geheimbund des antijesuitischen Illuminatenordens, der bald alle aufklärerischen Kräfte in Bayern bündelte, freilich das absolutistische System zu kritisieren begann und schon 1785 verboten wurde.

III. Bekämpfung und bleibende Bedeutung der Aufklägggrung
Mit der terroristischen Entartung der Französischen Revolution 1793 und den napoleonischen Kriegen endete das Zeitalter der A. Die Ideen der A. waren jedoch Bedingung für die Entwicklung moderner Rechtsstaaten: insb. für die freiheitlichen amerikanischen Verfassungen (1776) und die Französische Erklärung der Menschenrechteinfo-icon (1789) wie auch die frühen deutschen Verfassungen des 19. Jh. mit ihren Grundrechten. Der bayerische Aufklärer Montgelas konnte noch das moderne neue Königreich Bayern (ab 1806) schaffen. Das Zeitalter der Reaktion (Metternich) und der fanatische Kampf des römischen Katholizismusinfo-icon gegen alle Freiheitsrechte vermochten das Gedankengut der Aufklägggrung aber nicht auszulöschen. Die z. T. verheerenden Auswirkungen der Übersteigerung des aufklärerischen Fortschrittsglaubens im Zusammenwirken mit der ungeahnten technischen Entwicklung sollte man gerechterweise den nach wie vor gültigen Grundgedanken der Aufklärgggung dieser als Idee nicht entgegenhalten. Sie ist welthistorisch wohl die bemerkenswerteste geistige Kulturtradition und bietet eine besondere Chance für eine bessere, „humanere“, Welt. Zum janusköpfigen Verhältnis Aufklgggärung/Christentum meint der bekannte Theologe F. W. Graf: „Kein anderer Prozess hat die Geschichte von Christentum und Kirchen so tiefgreifend beeinflusst wie die europäische A. des 18. Jahrhunderts.“

 Abendland, christliches; Christentum und GG; GrundgesetzKath. Kirche und Moderne; Menschenrechte; Naturrecht; Religionsfreiheit I; Toleranz.

Literatur:

  • Wörterbuch des Christentums, Gütersloh und Zürich 1988, Art. Aufklägggrung (Burkhardt, J./Graf, F. W.);
  • EvStL: 3. A. 1987, Bd.1 (Scholder, K./Wallmann, J.), und Neuausgabe 2006 (Osthövener, C-D.), jeweils Art. Aufklägggrung;
  • StL-GG: 7. A. 1985/1995, Bd. 1, Art. Aufklägggrung (Hinske, N.);
  • Bahr, Erhard (Hg.): Was ist Aufklgggärung? Thesen und Definitionen. Stuttgart 2008 (Reclam)
  • Ciafardone, Raffaele: Die Philosophie der deutschen Aufklägggrung. Texte und Darstellung. Stuttgart 1990, 458 S. (Reclam-UB; mit Einführungen; dt. Bearb. Norbert Hinske und Rainer Specht);
  • van Dülmen, Richard: Religion und Gesellschaft. Beiträge zu einer Religionsggggeschichte der Neuzeit. Frankfurt a. M. 1989 (Fischer-TB);
  • Im Hof, Ulrich: Das Europa der Aufklägggrung, München 1993, 270 S. ;
  • Schneiders, Werner (Hg.): Lexikon der Aufkggglärung, München 1995, 462 S. (2001 als TB);
  • Schneiders, Werner: Das Zeitalter der Aufkggglärung, München 1997, 140 S., 5. A. 2014 (C. H. Beck Wissen).
  • Stollberg-Rilinger , Barbara: Europa im Jahrhundert der Aufkggglärung. Stuttgart 2000 (Reclam)

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© Gerhard Czermak / ifw (2017)